Schwarzer Tag für die Krawatte? Reaktion auf Bericht in der NZZ vom 5.5.2011
Auf der “Boulvard”-Seite der NZZ ist mir natürlich der Abschnitt von Jereon Vanroijen über die Krawatte ins Auge gestochen – ist ja auch auf der wohl am häufigsten gelesenen Seite. Mich erstaunt, dass dieses ach so alte Thema eine solche Präsenz zugesprochen wird.
Ist die Bedeutung der Krawatte nicht eigentlich schon relativ lange klar? Mich hätte es sehr erstaunt, wenn in einer Situation in der sich Obama und Konsorten befanden, Krawatten getragen würden! Sie schauen bei einer Killeraktion gegen Bin Laden live zu! In höchster Anspannung! Das wird als Anlass genommen, den Tod der krawatte ein weiteres Mal herbeizuschwören. Es wird als altmodisches westliches Machtzeichen abgetan, dessen Zeit nun definitiv abgelaufen sei!

Doch wie Stilsicher wäre es, wenn der Amerikanische Präsident dann mit hochgekrämpeltem Hemd und ohne Krawatte den Tod von Bin Laden verkünden würde? Wieso gesteht man diesem Kleidungsstück die Nische nicht zu?

Obama verkündet den Tod von Bin Laden
Ich trage heute auch keine Krawatte, da ich heute eine Bürotag habe, bei dem ich locker und ungezwungen Pendenzen abarbeiten muss und weder eine wichtige Mitteilung zu machen habe, noch representativ auftreten muss.
Im fast keinem Workshop wird erwartet, dass Krawatte getragen wird, auch wenn noch so wichtige Strategie-Arbeiten besprochen werden. Diese Zeiten der Krawattenpflicht sind doch schon lange vorüber. Auch das WEF hat hier eine Vorreiterrolle gespielt. Doch geht es dann an die Umsetzung, an die Kommunikation, um die Verkörperung von Vertrauem, dann hilft das Kleidungsstück Krawatte Vertrauen zu erwecken – oder gar eine Würde auszustrahlen? Auf jeden Fall gehört das noch immer bis zu einem gewissen Grade zu unserer Kultur und muss nicht mit einem “westlichen Machtzeichen” umschrieben werden sondern dürfte auch eben als Zeichen unserer Kultur gesehen werden.
Dass es Herren gibt, die inzwischen das Gefühl haben, ohne Krawatte in jeder Situation aufzutreten sei besonders modern, werden durch solche Artikel bestätigt. Es ist aber aus der Sicht des Stils sehr fragwürdig. Kürzlich war ich an einer sehr wichtigen Besprechung mit einem möglichen Geschäftspartner. Einer der jungen Mitarbeiter trug ein absolut klassischer Anzug, typischerweise immer etwas zu weit und ein weisses Hemd mit offenem Kragen. Viele können es einfach nicht. Es sieht NICHT modern aus. Dazu müsste er einen perfekt geschnittenen Anzug haben oder einen stärkeren Casual-Einschlag reinbringen z.B. mit einem speziellen Sakko und einer Jeans. Und da muss ich sagen, die Krawatte hätte seinen Look gerettet. Der Anzug wäre für meinen Geschmack immer noch zu klassisch und zu weit aber der Gesamteindruck wäre abgerundet. Natürlich nur, wenn es eine stilvolle Krawatte gewesen wäre
